Der Semmering war einmal das St. Moritz von Ostösterreich, ein mondäner Treffpunkt für die Wiener Society. Anfang des 20. Jahrhunderts reisten die Spitzen der Gesellschaft – darunter illustre Persönlichkeiten wie Alma Mahler-Werfel, Arthur Schnitzler oder Sigmund Freud – über die wildromantische Trasse der Semmeringbahn zur Sommerfrische oder zum Wintersport. Man bestaunte die pittoresk-alpine Landschaft und genoss den Komfort der modern ausgestatteten Grand Hotels. Auch die 1912 eröffnete Pension Antoinette war eine gute Adresse: Alle Zimmer hatten fließend Wasser, das war damals echter Luxus.

Die glorreichen Zeiten des Semmerings sind lang vorbei. Die Landschaft ist zwar noch genau so schön wie eh und je. Aber die Semmeringbahn, wo die Züge streckenweise nur 40 km/h fahren können, wird heute eher als Verkehrshindernis denn als Wunderwerk der Technik wahrgenommen, und viele der schicken Herbergen am Semmering – etwa das Südbahn-Hotel oder das Kurhaus – stehen seit langem leer.

Alle Fotos von Martin Fülöp.

Auch die Pension Antoinette wurde in den frühen 1980er Jahren geschlossen. Seit der Wiedereröffnung 2015 aber zieht das Haus wieder illustres Publikum an. Es ist der Beweis dafür, dass der Semmering nicht nur eine glorreiche Vergangenheit hat, sondern auch Zukunft haben kann.

Liebe auf den ersten Blick

Zu verdanken ist das Michael Niederer und Andreas Wessely, die das Haus 2012 entdeckt haben, nachdem sie auf Willhaben „Villa Semmering“ eingegeben hatten.

Eine Adresse stand nicht dabei, den Verkäufer haben sie nicht erreicht, also fuhren die beiden kurzentschlossen auf den Semmering, um das Objekt zu suchen. Einen Tag lang spazierten sie herum, und als sie die Villa endlich gefunden hatten, beschlossen sie spontan, es zu kaufen. „Wir haben uns gleich in das Haus und in die Gegend verliebt“, erinnert sich Wessely.

So schön die Villa auch ist: Das Schönste daran ist wahrscheinlich die Aussicht. Man blickt in einen bewaldeten Talkessel, man sieht den ältesten – und wahrscheinlich steilsten – Golfplatz Österreichs, die Raxalpe und die Semmeringbahn, die ganz nah hinterm Haus vorbei fährt. Dass viele Hotels am Semmering in einem Dornröschenschlaf vor sich hin dämmern, können Niederer und Wessely nicht nachvollziehen. „Eigentlich müsste sich jeden Freitag eine Kolonne aus Wien auf den Semmering bewegen, Stoßstange an Stoßstange. Wir glauben, dass der Semmering ein irres Potenzial hat, auch international. Aber man muss den Gästen auch etwas bieten.“

Michael Niederer, 37, ist Interior Designer von Beruf, in der Villa ist er für die gestalterischen Fragen verantwortlich; Andreas Wessely, 39, arbeitet als Unternehmensberater und ist für das Geschäftliche zuständig. Aber wie kamen die beiden überhaupt dazu, ein Hotel aufzumachen? „Das war ein Traum, der schon lange in uns geschlummert hat“, erklärt Wessely. „Durchgerechnet haben wir uns das nicht so richtig – gottseidank, sonst hätten wir es wahrscheinlich nicht gemacht.“

Drei Jahre lang haben sie das heruntergekommene Gebäude von Grund auf saniert und modernisiert, ehe es schließlich als „Villa Antoinette“ neu eröffnet wurde. Aus der Pension ist ein Chalet-Hotel geworden, das heißt: Man kann sich hier kein Zimmer nehmen, man muss gleich das ganze Haus, in dem zehn Personen gemütlich Platz haben, mieten. Kosten: 1500 Euro pro Tag, Frühstück und Butler inklusive. Hinter dem Haus kann man in einem Pool planschen, und in einem Nebengebäude wurde ein Wellnessbereich mit Sauna und Dampfbad eingerichtet.

Der mit großen Panoramafenstern ausgestattete Ruheraum kann bei Bedarf auch als Kino oder Vortragssaal genutzt werden.

Man merkt dem Haus an, dass es sich um ein Herzensprojekt handelt: Die neuen Besitzer haben beim Umbau offensichtlich eher auf ihr Herz gehört, als aufs Geld zu schauen. Die Villa Antoinette wurde mit enormer Liebe zum Detail gestaltet. Die Fensterrahmen sind aus Holz und nicht aus Kunststoff, auch Plastikflaschen sind im Haus tabu.

Alle Möbel und Lampen, Fliesen und Böden im Haus sind Jugendstil- oder Art-deco-Originale, die Wessely und Niederer auf Flohmärkten oder im Internet gefunden haben und dann herrichten ließen.

In der Bibliothek – dem einzigen Zimmer, in dem es einen Fernseher gibt – liegen Lupen herum, weil man die früher als Lesehilfen benutzt hat.

Die beiden Porträts im Stiegenhaus stellen Niederers Urgroßeltern dar, die Bilder hat er auf dem Dachboden seines Elternhauses gefunden. Und der Flügel im Entree gehörte Wesselys Grazer Großmutter, die 92 Jahre alt wurde; das Klavier hatte sie zu ihrem 18. Geburtstag geschenkt bekommen. Der Vogel der Hausherren hat sich unter anderem im Spa-Bereich manifestiert.

„Wir sind ein bisschen verrückt, weil wir immer nur an das Jetzt denken und nie an die Konsequenzen“, sagt Michael Niederer. „Aber wenn man so viel Liebe und Wahnsinn investiert, dann honorieren das auch die Gäste – weil sie merken, das haben nicht einfach irgendwelche Investoren hingestellt.“ Bald nach der Eröffnung erschienen in internationalen Lifestylemagazinen begeisterte Artikel; der Chefredakteur von „Elle Decoration“ etwa erklärte die Villa Antoinette zu seiner „absoluten Lieblingsadresse“. Trotz des exklusiven Preises ist die Villa Antoinette gut ausgelastet. Private buchen sie für Hochzeiten – für das Brautpaar gibt es im ersten Stock eine schöne, große Suite – oder Geburtstagsfeiern, Geschäftsleute veranstalten hier Meetings oder Seminare.

Es kommt aber auch vor, dass ein paar gar nicht so betuchte Freunde oder Freundinnen das Geld zusammenlegen und sich ein Wochenende in der Villa gönnen; im Sommer wiederum gibt es Gäste, die sie für zwei Wochen mieten und dann tageweise Freunde einladen.

„Wenn ich viel Geld hätte, würde ich das auch so machen“, sagt Andreas Wessely. „Das ist ja das Besondere hier: Es ist das Haus der Gäste, die Leute können das Haus nützen, wie sie wollen.“

Die Seele des Hauses

Der Nachteil bei einem richtigen Sommerhaus ist ja, dass es nicht nur Freude, sondern auch eine Menge Arbeit macht. In der Villa Antoinette gibt es dieses Problem nicht, denn es gibt Herrn Edi. Der gute Geist des Hauses nimmt den Gästen die Arbeit ab. Wenn sie zum Beispiel kochen oder grillen wollen, macht er den Einkauf, bereitet alles vor – und aufräumen tut er nach dem Essen auch. Um die Saunatemperatur kümmert er sich ebenso wie um wohltemperierte Drinks am Pool.

Niederer und Wessely haben Herrn Edi während des Umbaus der Villa als Mitarbeiter eines Umzugunternehmens kennengelernt; dabei war ihnen positiv aufgefallen, wie sorgsam er mit den Möbeln umgegangen ist. Sie boten ihm an, sie beim Baustellenmanagement zu unterstützen, und als er sie dann auch noch mit seinen Kochkünsten überraschte, war klar: Sie hatten den „Hausherrn“ für die Villa gefunden. „Der Edi macht das Haus erst zu dem, was es ist“, schwärmt Michael Niederer. „Du kannst die Villa Antoinette nicht kopieren, weil du den Edi nicht kopieren kannst!“

Die Villa Antoinette läuft so gut, dass Niederer und Wessely auf den Geschmack gekommen sind: In St. Corona am Wechsel eröffnen sie demnächst ihren zweiten Betrieb, das Hotel Fernblick. Zielgruppe sind hier in erster Linie Hochzeitsgesellschaften, eingerichtet ist das Hotel im Stil der Sixties. Auch zwei weitere Objekte haben die beiden Nebenerwerbshoteliers schon erworben: die Pension Tirolerhof auf dem Kreuzberg bei Payerbach, in der Nähe des berühmten Loos-Hauses, und das Personalhaus des Südbahnhotels am Semmering, aus dem sie eine „Dependance“ der Villa Antoinette machen wollen.

Das Gute liegt so nah

Der Tiroler Michael Niederer und der Salzburger Andreas Wessely leben seit langem in Wien. Wie alle Westösterreicher vermissen sie in der Hauptstadt die Berge; und wie viele Wiener haben sie erst eine Zeitlang gebraucht, um draufzukommen, wie schnell man von Wien aus in den Bergen ist. „Viele Freunde, die uns hier besuchen, sagen: Ich bin so blöd, ich lebe jetzt seit 20 Jahren in Wien und war noch nie am Semmering!“

Wer in der Villa Antoinette absteigt, muss bei der Abreise übrigens nicht bezahlen; die Rechnung kommt später mit der Post. Das war Andreas Wesselys Idee: In seinem Hauptberuf als Unternehmensberater ist er geschäftlich viel unterwegs, und nichts geht ihm auf seinen Reisen mehr auf die Nerven als das mühsame Ein- und Auschecken im Hotel. Also wollte er es in seinem eigenen Hotel anders machen: „Hier hat man nichts mit Geld, nichts mit Formularen, nichts mit Rezeptionen zu tun. Man fährt einfach nach Hause, als wäre man in seinem Wochenendhaus gewesen.“ Und irgendwie war man das ja auch.

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Raus aus der Stadt.
Bin am Berg.