Vor dem Hochkahr

Das Hochkar selbst ist viele Millionen Jahre alt. Das beliebte Skigebiet dort oben hingegen ist noch relativ jung, der erste (Einer-)Sessellift nahm 1965 den Betrieb auf. Aber damit die Leute überhaupt zum Lift kommen konnten, musste erst einmal die acht Kilometer lange „Alpenstraße“ von Lassing aufs Hochkar gebaut werden. Im Juni 1963 erfolgte der Spatenstich, ein gutes Jahr später war die Rohtrasse fertig. „Das war eine sehr gefährliche Arbeit, mitunter lebensgefährlich“, erinnert sich Alfred Jagersberger, ein Mann der ersten Stunde. Er half beim Straßenbau, war in den ersten Jahren stellvertretender Betriebsleiter der Lifte und übernahm dann den Almgasthof auf dem Hochkar; außerdem war er jahrzehntelang Leiter der Skischule.

„Als wir damals hier heraufgekommen sind, war unsere größte Sorge: Wo nehmen wir das Trinkwasser her?“ erzählt Jagersberger. Es gibt am Hochkar nämlich keine Quellen. Allerdings war da ein mysteriöses Loch im Berg, aus dem es bei tiefen Minusgraden dampfte, „raukerte Lucka“ nannten es die Jäger und Holzknechte – dort hoffte man, fündig zu werden.

„Mein Chef hat zu mir gesagt: ,Fredl, du bist ein guter Bergsteiger, schau doch einmal in den Schacht rein!‘“ Am Pfingstmontag des Jahres 1964 seilte sich Alfred Jagersberger, zusammen mit dem Arzt Werner Putz und dem Volksschuldirektor Georg Perschl in den fast 80 Meter tiefen Schacht ab. Wasser haben sie unten keines gefunden, dafür drei riesige Hallen. Die drei Männer hatten die Hochkarhöhle entdeckt.

Zur Hochkahrhöhle
Alle Fotos von Martin Fülöp.

Der 73-jährige Alfred Jagersberger, der seit 55 Jahren auf dem Hochkar lebt, hat damals gleich die Ausbildung zum Höhlenführer absolviert und führt heute noch Interessierte durch „seine“ Höhle (die nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann). Es wurde ein Eingang freigelegt, der einen deutlich einfacheren Zutritt in die Höhle ermöglicht als durch die „raukerte Lucka“. Über 80 Stufen, die Jagersberger einst mit Unterstützung von Skilehrern und der Bergrettung in den Berg betoniert hat, führt der Weg hinunter in die „Pfingsthalle“, die deshalb so heißt, „weil zu Pfingsten 1964 die ersten Menschen da herinnen waren“. 26 Meter ist sie hoch, man fühlt sich wie in einer Kirche. Wie imposant muss dann erst die drei Mal so hohe dritte Halle wirken, der „Große Dom“? Der aber ist nicht Teil der Führung, weil er nur mit Kletterausrüstung erreichbar ist. In der Pfingsthalle ist überraschenderweise ein Christbaum aufgestellt; im Dezember finden hier unten Adventfeiern statt, der Baum steht das ganze Jahr da.

„Die Hochkarhöhle ist eine Sturzblockhöhle, das sind die ältesten Höhlen der Welt“, doziert Jagersberger. „Als die Alpen entstanden sind, haben sich die Kontinentalplatten aufgestellt, und beim Zusammenbrechen haben sich solche Blöcke verkeilt.“ Der Höhlenführer zeigt nach oben auf einen riesigen Felsen und meint trocken: „Wenn der runterfallt, hilft dir ein Helm auch nix.“ Man müsse aber keine Angst haben: „Obwohl ich schon Tausende Male da drinnen war, hab ich noch nie das kleinste Steinderl fallen gehört. In der Speläologie, der Höhlenkunde, spricht man vom absoluten Gleichgewicht, in dem sich die Höhlen befinden. Diese Höhle hat in 240 Millionen Jahren irrsinnig viel erlebt – so lange man da nichts anrührt, ist das ein absolut sicherer Ort.“

Die feuchte, saubere Luft in der Höhle soll gut für die Bronchien sein und auch gegen Pollenallergie wirken. Zu den Stammgästen der Hochkarhöhle gehören zwei Paare aus St. Pölten, die jedes Jahr kommen und ein paar Tage lang jeweils ein paar Stunden in der Höhle verbringen. „Dann haben sie ein ganzes Jahr eine Ruh von den Pollen, sagen sie.“ Vor Jahrzehnten waren einmal auf Höhlentiere spezialisierte Forscher aus Frankreich da – und haben tatsächlich einen Käfer entdeckt, der dort lebte. Das blinde Insekt wurde „Hochkarkäfer“ getauft und ist heute im Naturhistorischen Museum zu besichtigen. „Vor drei Jahren hab ich ihn wieder einmal besucht“, sagt Alfred Jagersberger.

Die Hochkarhöhle kann nur in den Sommermonaten besucht werden – also dann, wenn sich die Skipisten am Hochkar in saftige Almwiesen verwandelt haben. Wer nur im Winter hierher kommt, kann sich gar nicht vorstellen, dass auch in diesem Schneeloch, wo oft noch im April beste Pistenbedingungen herrschen, irgendwann die Schneeschmelze einsetzt.

Im Sommer wird das Hochkar vom Ski- zum Wanderberg. Wer es gemütlich anlegt, fährt mit dem Sessellift – einer ist auch im Sommer in Betrieb – rauf und wandert von der Bergstation in 15 bis 20 Minuten bis zum Gipfelkreuz. Wer es sportlicher anlegt, spart sich die Liftkarte und geht zu Fuß rauf. Es gibt auch einen Rundwanderweg und – für die ganz Harten – eine Zehn-Stunden-Route, die bis hinüber zum Dürrenstein führt. Um sportlich ambitionierten Nachwuchs aufs Hochkar zu locken, wurde kürzlich der „Bergmandl-Klettersteig“ für Kinder, Jugendliche und Anfänger angelegt – und zwar so, dass man immer wieder aussteigen kann, wenn man es plötzlich mit der Angst zu tun bekommt. Für geübte Kletterer steht schon seit längerem der „Heli Kraft-Klettersteig“ (Schwierigkeitsgrad D) zur Verfügung, der nach einer früh verstorbenen Köchin im Schulschiheim benannt wurde.

Gleich bei der Bergstation des Sessellifts, auf 1770 Metern Höhe, befindet sich das auch im Sommer geöffnete „JoSchi Berghaus“ (vulgo „Geischlägerhaus“), das von Johannes Putz betrieben wird. Putz hat Alfred Jagersberger als „Mister Hochkar“ abgelöst: Die Skischule hat er schon vor Jahren übernommen, zuletzt kaufte er ihm auch den Almgasthof ab. Vom Berghaus sind es nur ein paar Schritte bis zur „Hochkar 360° Skytour“. Hinter dem nicht sehr niederösterreichischen Namen verbirgt sich Niederösterreichs höchster Aussichtspunkt. Die Plattform lässt nicht nur atemberaubend tief blicken (120 Meter!), sondern ermöglicht vor allem einen Panoramablick, der seinesgleichen sucht. „Man schaut ins Gesäuse hinein und sieht bei Schönwetter bis zum Großglockner“, erklärt Johannes Putz. „Dreht man sich weiter, schaut man über Schneeberg und Rax in Richtung Wien. Man sieht den Dürrenstein, den Hochschwab. Dreht man sich noch weiter, wird es hügelig, und man schaut weit über die Donau hinaus, bis nach Tschechien. Diese Vielfalt ist einzigartig, denke ich.“

Schon wegen der Aussicht ist das Hochkar auch im Sommer nicht gerade das, was man einen Geheimtipp nennt. An einem schönen Wochenende kann richtig viel los sein, der obere Parkplatz ist dann schon einmal voll belegt. Alfred Jagersberger hat beobachtet, dass immer mehr Leute im Sommer aufs Hochkar kommen, und er kann es auch erklären: „Der Berg kostet nix, das ist ein Slogan von mir. Ich kann da oben den ganzen Tag gehen und brauche keinen Groschen Geld.“

Raus aus der Stadt.
Bin am Berg.