Herwig Kerbl ist ein Mensch, der am liebsten draußen ist. Egal, ob am Berg oder im Wald, auf dem Radl oder in Schneeschuhen: Hauptsache, draußen. „Ich halt’s drinnen nicht aus“, sagt der 55-jährige Puchberger. „Wenn’s gar nicht anders geht, wenn ich die Buchhaltung mache zum Beispiel, arbeite natürlich auch ich drinnen, aber das ist mir verhasst. Drinnen bin ich nicht authentisch, ich muss raus an die frische Luft.“ In einem Wäldchen am Rand von Puchberg betreibt Herwig mit ein paar Freunden seit 20 Jahren einen Hochseilklettergarten, damals war das noch eine Sensation, in ganz Österreich gab es nur drei davon. Seine Firma „Move Your Mind“ bietet außerdem Teambuilding-Trainings für Firmen oder Schulklassen an, man kann bei ihm aber auch Geburtstag feiern oder eine Nacht im Wald verbringen.

Zu Herwigs Hauptattraktion ist in letzter Zeit der Bogenparcours geworden, den er im Wald und in den umliegenden Feldern angelegt hat. Gemeinsam mit seinen beiden Hunden, dem Border Collie Finn und dem Australian Shepherd Nanuk, gehen wir mit Herwig den Parcours ab.

Wer bei ihm Bogenschießen gehen will, muss Eintritt zahlen; der Parcours ist fast rund um die Uhr geöffnet, und wenn gerade niemand zum Kassieren da ist, wirft man das Geld einfach ein. Herwig vertraut da ganz auf die Ehrlichkeit seiner Gäste. „Ich glaube an das Gute im Menschen, und ich fahre gut damit.“ Er weiß, dass ungefähr zehn Prozent der Leute nichts bezahlen. „Wenn sie kein Geld haben, habe ich kein Problem damit. Und wenn sie mich bescheißen wollen, dann wird sich das in ihrem Karma schon irgendwann bemerkbar machen.“

Auf einem Bogenparcours geht es darum, in die Landschaft drapierte, lebensgroße Kunststoff-Tiere (Reh, Hirsch, Bär usw.) zu treffen; entlang des Wegs zeigen kleine Kugeln in verschiedenen Farben die Entfernung zum Ziel an. Eine rote Kugel bedeutet zum Beispiel 70 Meter – da muss man schon sehr gut sein. Als ausgebildeter Mentaltrainer weiß Herwig Kerbl, dass sich beim Bogenschießen alles im Kopf abspielt. „Der größte Fehler, den man machen kann, ist Nachdenken“, erklärt er. Deshalb setzt er auch bei seinen Teamtrainings gern auf Bogenschießen. „Da kann man das Loslassen lernen.“ Ein eher utopisches Ziel ist der Gorilla, der aus einer Entfernung von 200 Metern getroffen werden soll, über die ganze Talsenke hinweg. Das ist physikalisch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, mit dem richtigen Wind und viel Glück könnte es unter Umständen trotzdem klappen. Herwig verspricht jedenfalls jedem, der den Gorilla trifft, ein Bier. Und nein, bisher musste er noch keines ausgeben.

Das Schönste an dem Parcours ist der Schneeberg, den man unterwegs fast immer im Blick hat. Herwig kennt ihn gut, er war erst vier oder fünf Jahre alt, als sein Vater ihn zum ersten Mal mit auf den Berg genommen hat. „Der Schneeberg ist der erste Berg der Alpen – die Franzosen behaupten zwar das Gegenteil, aber wir wissen es besser“, witzelt er. Und, jetzt ganz im Ernst: „Es gibt keinen Berg in den Alpen, auf dem so viele Skitouren beschrieben sind.“ Stolz erzählt Herwig, dass er im Schneeberg-Tourenführer von Wolfgang Ladenbauer (erschienen im Schall-Verlag) als Erstbefahrer von zwei Routen namentlich erwähnt wird. „Da werden zwar sicher schon vor mir Leute gefahren sein, aber es ehrt mich natürlich ungemein.“

Sein Vater hatte ein Sportgeschäft im Ort, wobei Herwig findet, dass das eher eine Greißlerei war, in der halt auch Skier und Fahrräder verkauft wurden. „Jedenfalls bin ich dadurch sehr früh mit Sport in Berührung gekommen.“ In den 80er-Jahren betrieb er selbst ein Radgeschäft, und er war immer vorn dabei, wenn es darum ging, neue Sportarten wie Mountainbiken oder Paragleiten auszuprobieren; eine Zeitlang war er als Rennleiter von Mountainbike-Rennen in ganz Österreich unterwegs. Hauptberuflich war Herwig früher als Sozialpädagoge tätig, seine Klienten waren hauptsächlich Kinder und Jugendliche mit schwierigen Biografien, mit denen er – man ahnt es – meistens draußen unterwegs war. .

Die Arbeit mit jungen Menschen gehört heute noch zu Herwigs liebsten Aufgaben. Der Aufenthalt in der Natur hilft den Kids dabei, sich zu erden. Für viele Stadtkinder ist es ja schon ein Abenteuer, im Wald nach Beeren zu suchen. „Denen sage ich immer: Alles, was rot oder blau ist, könnt ihr essen. Alles andere nicht!“ Am Ende unseres Spaziergangs zeigt Herwig uns einen zehn Meter hohen Masten, den sogenannten „Pampers Pole“, der bei seinen Trainings eine wichtige Rolle spielt.

Die Aufgabe besteht darin, auf einer Leiter auf den Stamm zu klettern und sich ganz oben freihändig – aber natürlich doppelt gesichert – auf eine Plattform zu stellen, die so klein wie ein Jausenbrett ist. „Die Leute, die das schaffen, sind meist überwältigt“, erzählt Herwig. „Weil sie nicht damit gerechnet haben, wie viel unbewusste Angst sie hemmt. Wenn du die überwindest, löst das im Gehirn sehr viele Blockaden.“ Und wie kam der Pampers Pole zu seinem Namen? Ganz einfach: „Pole“ heißt Stange, und mit „Pampers“ sind die Windeln gemeint. Der Name ist also als Warnung zu verstehen: Achtung, es könnte passieren, dass du dir dort oben in die Hose machst.

Der Mann, der den Klettergarten und das Bogenschießen nach Puchberg gebracht hat.

Raus aus der Stadt.
Bin am Berg.