Als Eric Digruber das heimatliche Mitterbach am Erlaufsee verließ, war er 14 Jahre alt und träumte von einer Karriere als Skirennläufer. Daraus wurde zwar nichts, aber es vergingen trotzdem 15 Jahre und viele tausend Flugmeilen, bis er wieder für länger nach Hause kam. Anfang 2019 war das, und aus dem Rennlauftalent war ein Physiotherapeut geworden.

Das mit dem Skirennlauf liegt bei den Digrubers in der Familie. Erics zwei Jahre älterer Bruder Marc ist ein Weltklasseslalomfahrer, hatte bisher sechs Top-Ten-Platzierungen in Weltcuprennen. Großonkel Franz Digruber, der bis vor kurzem die Tankstelle von Mitterbach betrieb, schaffte es Ende der 60er-Jahre, in der Frühzeit des Skiweltcups, sogar zwei Mal auf das Siegespodest. Auch Großtante Grete war erfolgreiche Rennläuferin.

Alle Fotos von Martin Fülöp.

Wir treffen Eric Digruber an einem schönen Sommertag und fahren mit ihm gleich einmal auf die Gemeindealpe, den 1626 Meter hohen Hausberg von Mitterbach. Allzu viel verbindet ihn damit allerdings gar nicht. Den kleinen Schlepplift im Tal, neben dem der kleine Eric einst seine ersten Schwünge gemacht hat, gibt es längst nicht mehr; 1995 wurde der Liftbetrieb in Mitterbach für beinahe zehn Jahre überhaupt eingestellt. Und als dann die neu errichteten Liftanlagen in Betrieb gingen, war Digruber schon ausgeflogen. Im Winter hat sich die Gemeindealpe als ideales Terrain für sportliche Skifahrer und Freerider etabliert, aber davon hat er bisher kaum etwas mitbekommen. Am „Gmoa Oim Race“ etwa, einem für alle offenen Team-Abfahrtsrennen, das seit einigen Jahren kurz vor Saisonschluss im März stattfindet, hat er erst 2019 zum ersten Mal teilgenommen; vorher war er zu der Zeit nie dagewesen.

Eric Digruber war ein begabter Rennläufer, er besuchte die Skihauptschule in Lilienfeld und die Skihandelsschule in Waidhofen an der Ybbs, fuhr Fis-Rennen, war Vorläufer auf der Streif in Kitzbühel. Die wirklich guten Resultate aber blieben aus, in einen ÖSV-Nachwuchskader schaffte er es nicht. Und so beschloss er schon mit 18, den Rennsport sein zu lassen. „Ich hab mir gesagt: Ich will nicht jahrelang hinten nachfahren, um mit 25 dann draufzukommen, dass das doch ein Blödsinn war. Ich will lieber gleich was Anderes machen.“ Angenehmer Nebeneffekt: Das innerfamiliäre Klima im Hause Digruber entspannte sich schlagartig, sobald die Söhne nicht mehr gegeneinander Rennen fuhren. „Mein Bruder war immer ein Vorbild, später aber auch ein Konkurrent“, sagt Eric. „Seit ich aufgehört habe, ist unser Verhältnis wieder ein ganz anderes.“

Nach Ende seiner Rennkarriere absolvierte Eric Digruber gleich einmal die Trainerausbildung, als Jüngster seines Lehrgangs. Den ersten Trainerjob hatte er am Hochkar, wo Skischul-Chef Johannes Putz damals auch eine Rennschule anbot; später war er unter anderem Nachwuchstrainer beim NÖ Landesskiverband und Trainer der ÖSV-Buckelpistenfahrer. Recht bald aber war ihm klar, dass er auch als Trainer nicht alt werden möchte. Um sich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen, inskribierte Digruber in Salzburg Physiotherapie.

Das Studium finanzierte er sich, indem er in den Sommerferien als Skitrainer jobbte – am anderen Ende der Welt, am Mount Buller in Australien. „Im Juni bin ich nach den Prüfungen ins Flugzeug gestiegen, hab unten Geld verdient, dann wieder rauf und gleich wieder in den Hörsaal rein.“ Vier Jahre lang hat Eric Digruber damals praktisch keinen Sommer gesehen.

Als er nach Abschluss des Studiums das Angebot hatte, beim ÖSV Cheftrainer des Behindertensport-Nationalteams zu werden, musste er nicht lang nachdenken: „Ich hab mir gedacht, das ist eigentlich der Traumjob für mich.“ Neben dem skitechnischen Knowhow konnte er da auch gleich seine soeben erworbenen Fertigkeiten als Physio zur Anwendung bringen. „Jeder Athlet hat eine andere Behinderung, muss anders trainiert werden“, sagt er. „Da ist kreatives Arbeiten eine Voraussetzung.“ Wenn man ihn fragt, was eigentlich der grundsätzliche Unterschied zwischen behinderten und nichtbehinderten Athleten ist, winkt er ab: „Es gibt keinen. Sportler wollen auf den ersten Platz kommen, das Maximum aus ihrem Körper rausholen – egal, ob da ein Arm fehlt oder ein Fuß nicht so gut funktioniert.“

Vier „extrem lässige“ Jahre, bis zu den Paralympics 2018 in Südkorea, war Digruber im Amt. Sein bisher letztes Engagement als Trainer hatte er danach in einem chinesischen Skigebiet, in dem ein Freund von ihm eine Rennschule aufbaut; er arbeitete dort mit Kindern im Alter von 7 bis 14 Jahren. In Sachen Skifahren war China bisher sogar ein noch exotischeres Terrain als Australien; aber seit die Olympischen Winterspiele 2022 – warum auch immer – an Peking vergeben wurden, interessiert sich das Land der Turnerinnen und Tischtennisspieler vermehrt auch für den alpinen Skisport, ist ein entsprechendes Förderprogramm angelaufen. Können Chinesen Ski fahren? „Ja, die Kinder auf jeden Fall“, sagt Eric Digruber. „Für Olympia geht es sich noch nicht aus. Aber wenn die so weiter machen, kann ich mir schon vorstellen, dass Chinesen einmal im Weltcup starten werden.“

Zwei Monate lang war Digruber in China engagiert. Anfang Jänner 2019 kam er zurück, und schon Mitte Jänner hat er daheim in St. Sebastian seine Praxis als Physiotherapeut eröffnet.

Moment! St. Sebastian? Stammt Digruber nicht aus Mitterbach? Ja, aber das ist kein Widerspruch. Mitterbach ist nämlich eine geteilte Gemeinde, die Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark verläuft entlang der Erlauf, also mitten durch den Ort – und die steirische Seite von Mitterbach gehört schon zum Gemeindegebiet von St. Sebastian, das wiederum 2015 in Mariazell eingemeindet wurde. Seine Praxis befindet sich im „Gesundheitszentrum“, dem ehemaligen Landeskrankenhaus in St. Sebastian. Zum Schlafen fährt Digruber übrigens auf die niederösterreichische Seite von Mitterbach; er hat sich, zumindest vorübergehend, in seinem Elternhaus einquartiert.

Seit er wieder zu Hause ist, leitet er bei der Sportunion Mitterbach, seinem Stammverein, schon einmal ein Kindertraining, wenn es die Zeit erlaubt. Auch mit seinem Bruder trainiert er hin und wieder, wenn der das will. Sein Hauptberuf aber ist bis auf weiteres Physiotherapeut. Die Nachfrage ist groß, im Grunde war seine Praxis von Anfang an überbucht. Und es gefällt ihm, wie effektiv der neue Job ist. „Wenn du mit Spitzensportlern arbeitest, geht immer nur so ein bisserl was weiter, wenn überhaupt“, sagt Digruber. „In der Physiotherapie kannst du mit Kleinigkeiten große Wirkung erzielen. Und du bekommst viel Wertschätzung, das ist cool.“

In seinem bisherigen Beruf wurde der Erfolg in Hundertstelsekunden ausgedrückt. Jetzt ist das Feedback elementarer. „Das Kopfweh ist weg!“, sagen die dankbaren Patienten. Oder: „Jetzt hab ich das erste Mal seit langem eine Nacht durchgeschlafen.“ Als Physiotherapeut scheint Eric Digruber gelernt zu haben, dass man nicht alles mit der Stoppuhr messen kann. Aber das täuscht ein bisschen, die alten Rennfahrerinstinkte sind schon noch da. Man sieht das an dem seligen Lächeln, das er im Gesicht hat, wenn er mit einem Go-Cart von der Gemeindealpe ins Tal rast. Und beim „Gmoa Oim Race“ hat Eric Digruber nächstes Jahr einen Streckenrekord (4:11,50) zu verteidigen.

Raus aus der Stadt.
Bin am Berg.