Jedes Schloss hat einen Gärtner. Umgekehrt besitzen aber nur die wenigsten Gärtner ein Schloss. Christian Blazek, Leiter eines großen Gärtnereibetriebs, hat eines. Gemeinsam mit seiner Frau Michaela erwarb er im Jahr 2000 das Schloss Wartholz in Reichenau an der Rax. Damals war es in keinem besonders guten Zustand, sah nicht wirklich wie ein Schloss aus. Das machte den Kauf erschwinglich, bedeutete aber auch viel Arbeit. Jahrelang wurde saniert, renoviert, rekonstruiert. „Wir wollten den Gebäuden ihre Würde zurückgeben“, sagt Christian Blazek.

Alle Fotos von Martin Fülöp.

Aus der ehemaligen Orangerie etwa wurde die Schlossgärtnerei Wartholz untergebracht, die voll ist mit schönen Dingen. Hauptsächlich werden hier natürlich Pflanzen verkauft, im Angebot sind aber auch Mode, Accessoires und verschiedene Geschenkartikel. „Wir sind eigentlich fast ein Kaufhaus im Ort“, sagt Christian Blazek. Im hinteren Teil der Schlossgärtnerei befindet sich ein Café-Restaurant, in dem man jausnen oder mittagessen kann; das Lokal wurde gleich so gut angenommen, dass die Orangerie baulich erweitert werden musste. Hauptsaison für die Schlossgärtnerei ist klarerweise die schöne Jahreszeit, wenn alles blüht und wächst und man draußen bei den Beeten sitzen kann. Bei unserem winterlichen Besuch ist das Anwesen tief verschneit, was ihm aber auch sehr gut steht.

Die Schlossgärtnerei Wartholz ist sozusagen die Visitenkarte für das Stammhaus („Blazek Garten- und Landschaftsbau“) in Pottenstein. „Wir wollten den Betrieb weiterentwickeln“, erklärt Christian Blazek. „Wir haben immer mit ganz handfesten Dingen gearbeitet, haben Schotter, Steine und Pflanzen verkauft. Aber wir sind draufgekommen: Man muss eigentlich Lebensgefühl verkaufen, das interessiert die Kunden.“

Als sie bei der Suche nach einem geeigneten Objekt auf Schloss Wartholz stießen, haben sie ziemlich spontan zugeschlagen. „Es war eine Bauchentscheidung“, sagt Michaela Blazek. Was genau sie da eigentlich erstanden haben, wurde ihnen erst später klar: Man kann sagen, es handelt sich um die letzte Bastion des Hauses Habsburg. Errichtet wurde das Schloss 1872 im Auftrag von Erzherzog Karl Ludwig, Architekt war Heinrich von Ferstel, der in Wien unter anderem die Votivkirche und mehrere Ringstraßenbauten, darunter die Universität, gebaut hat.

Ab 1911 war Schloss Wartholz der Wohnsitz von Erzherzog Karl, später der letzte Kaiser von Österreich-Ungarn; mit seiner Frau Zita verbrachte Karl die Flitterwochen hier, Sohn Otto ist auf Wartholz geboren. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie ging das Schloss in Besitz des Landes Niederösterreich über und wurde als Schulungsgebäude für den Zivilschutzverband genutzt, im Personalhaus war ein Landeskindergarten untergebracht. Zuletzt war es in Privatbesitz, es sollten Wohnungen eingezogen werden.

Stattdessen ist das Schloss mit seinen 40 Zimmern heute ein Einfamilienhaus – das Ehepaar Blazek und ihre Tochter wohnen auf Wartholz. Klingt toll, aber ist das für eine dreiköpfige Familie nicht ein bisschen viel Wohnfläche? Halb so wild, sagen die Schlossherren. „Jedes Zimmer hat eine Funktion“, erklärt Michaela Blazek. „Manche werden mehr im Winter genutzt, andere eher im Sommer. Im Obergeschoß wohnen Mitarbeiter, und es gibt ein paar Gästezimmer. Es ist jetzt nicht so viel.“

Als die Blazeks einzogen, war das Schloss unmöbliert; dennoch ist das originale Mobiliar  – darunter der riesige Esstisch, ein Kaiserthron und auch das Geschirr – inzwischen zu großen Teilen wieder an seinem Platz. Die Möbel waren in einem Depot eingelagert, und Otto von Habsburg war so freundlich, sie den neuen Besitzern zu vermitteln. „Mit so einem Haus wirst du zum Forscher“, sagt Christian Blazek bei einer kleinen Führung durch die Repräsentationsräume im Erdgeschoß. Für die Öffentlichkeit ist das Schloss, in dem es auch eine gar nicht so kleine Kapelle gibt, normalerweise nicht zugänglich.

Das Ehepaar Blazek scheint nicht nur privat gut zu harmonieren, es ergänzt sich auch geschäftlich perfekt. Der 55-jährige Christian, der aus dem Triestingtal stammt, ist gelernter Landschaftsgärtner; die 49-jährige Michaela, eine Kärntnerin, hat auf der Universität für Bodenkultur in Wien Landschaftsökonomie und Landschaftsgestaltung studiert und danach auch noch eine Lehre als Floristin absolviert. Die Blazeks gehören zu jenen erfolgreichen Geschäftsleuten, die zwar irrsinnig viel zu tun haben, aber mit so viel Enthusiasmus bei der Sache sind, dass es überhaupt nicht nach Anstrengung aussieht. Auf diese Weise wird sogar die Renovierung eines Schlosses so selbstverständlich wie ein Dachbodenausbau. Auch für ein wenig Exzentrik haben die Schlossherren etwas über: Im Carport steht ein wirklich alter, sehr gut gepflegter Oldtimer, und für die Rasenpflege im Schlosspark sind brave Schafe und Esel zuständig, die sich auf dem 17 Hektar großen Areal frei bewegen.

Auf den ersten Blick etwas spleenig erscheint auch das Engagement der Blazeks für Literatur. Aus dem ehemaligen Kuhstall des Schlosses, gleich neben der Orangerie gelegen, haben sie den „Literatursalon“ gemacht. In dem Veranstaltungssaal werden auch Hochzeiten ausgerichtet (die ersten, die auf Wartholz geheiratet haben, waren übrigens die Blazeks selbst), vor allem aber finden im Literatursalon natürlich Lesungen statt, und seit 2008 wird alljährlich der Wartholzer Literaturpreis vergeben. Ähnlich wie beim Bachmann-Preis in Klagenfurt werden die Texte der teilnehmenden Autorinnen und Autoren dabei von einer Fachjury live vor Publikum analysiert und kritisiert. Der Preis genießt in der Literaturszene inzwischen einen guten Ruf. Trotzdem erscheint es ziemlich ungewöhnlich, dass eine Gärtnerei sich für Gegenwartsliteratur einsetzt. Dahinter steht der strategische Gedanke, das stark mit Kunst und Literatur der Jahrhundertwende verbundene Image von Reichenau aufzufrischen.

Es könnte sich für die Zukunft als Segen erweisen, dass man in der Region bestimmte Entwicklungen der letzten Jahrzehnte verschlafen hat, glaubt Christian Blazek. Vom Massentourismus sei die Gegend verschont geblieben, und genau darin sieht er eine Chance. „Es gibt eine Sehnsucht der Menschen, wieder entschleunigt Urlaub zu machen, einfach die Landschaft zu genießen, wandern zu gehen, Kulinarik und Kultur zu erleben.“ Aus solchen Sätzen kann man heraushören, dass Blazek auch Vorsitzender des Tourismusverbands Semmering-Rax-Schneeberg ist. Die Sommerfrischler sollen künftig nicht nur auf einen Kaffee in die Schlossgärtnerei kommen, sondern länger bleiben können: Die Blazeks planen, im Personalhaus neben dem Schloss Fremdenzimmer einzurichten.

Dass er die Rax buchstäblich vor der Tür hat, weiß Christian Blazek aber auch ganz persönlich zu schätzen. Er geht oft auf den Berg, und weil es gerade so schön schneit, weist er noch darauf hin, was für eine Sensation die sechs Kilometer lange, unpräparierte Skiabfahrt von der Rax eigentlich ist. „Das sind Verhältnisse, wie man sie in Kanada nicht oft vorfindet.“ Man muss davon ausgehen, dass eines der 40 Zimmer auf Schloss Wartholz als Skikeller genutzt wird.

Raus aus der Stadt.
Bin am Berg.